Kapitel 9: Herzleid

Robert trat in die Dusche und schloss die Glastür hinter sich. Die Dusche war weiß gefliest und in den Wänden waren sehr viele, verschieden große Brauseansätze eingelassen. Er drehte den Wasserhahn für warmes Wasser auf. Nach wenigen Sekunden begann Wasser von allen Seiten zu sprudeln. Robert fühlte sich gut, die Wasserstrahlen waren eine Wonne auf seiner Haut. Er verharrte einige Momente, dann begann er sich zu waschen. Robert duschte fast eine Stunde und es tat ihm gut. Er fühlte sich wacher und kraftvoller.

Als er schließlich aus der Umkleide in den Eingangsbereich trat wurde ihm von Valeria noch eine Tasse falsches Orkblut angeboten. Robert nahm die Tasse und begutachtete sie. Eine weiße Tasse mit einem grinsenden Gesicht abgebildet. Er nahm einen Schluck und schaute sich das erste Mal den Eingangsbereich an.

Der Boden bestand aus Marmor. Die Wände waren weiß und mit vielen Bildern bedeckt. In der Mitte des Raumes stand ein großer massiver Schreibtisch an dem Valeria arbeitete. An zwei Wänden – der vom Eingang hinteren und linken Wand waren je zwei Türen. Diese führten zu den Umkleiden. An der rechten Wand standen zwei kleine Sofas die einen Wartebereich bildeten. Robert hatte ausgetrunken und gab Valeria die Tasse zurück. Die beiden verabschiedeten sich voneinander und Robert trat wieder nach draußen.

 

Er zuckte zusammen als er die kalte Luft spürte. Sein nächstes Ziel setzte ihm einen Kloß in den Hals. Jetzt musste er Bartolomäus aushorchen. Er hoffte, dass der Arzt nichts mit dem Mordfall zu tun hatte.

Robert betrachtete den Himmel, er war zugezogen und es hatte ganz leicht zu schneien angefangen. Er hoffte, dass die Schneemassen nicht noch weiter zunehmen würden. Seine Schritte waren zögerlich. Langsam ging er über den Jahrmarkt, bekam aber nicht mit was um ihn herum passierte. Er war komplett in seine Gedanken vertieft. Je näher Robert dem Haus von Bartolomäus kam, desto unwohler wurde ihm. Er bog in den kleinen Weg ein, dieser kam ihm heute tausend Mal länger vor. Nach einer gefühlten Ewigkeit stand er vor der massiven Holztür. Robert atmete tief durch und fragte sich wovor er solche Angst hatte.

Er würde mit dem Menschenkoloss reden und dieser würde ihm Argumente geben die ihn als Täter ausschließen würden.

Robert klopfte gegen die Tür, dabei wurde sie etwas aufgedrückt. Merkwürdig das die Tür weder abgeschlossen noch zugezogen war. Robert wartete, vielleicht hatte Bartolomäus vergessen sie zu schließen. Er hörte jedoch keine Schritte, keine laute sympathische Stimme die ihm entgegendonnerte.

Als er der Stille lauschte drückte er mit zittriger Hand die Tür langsam weiter auf. Es war nichts zu sehen. Robert trat langsam ein und tastete sich mit seinem Blick voran. Nach einigen Augenblicken stand Robert im Wohnzimmer. Niemand war zu sehen und es herrschte absolute Stille. Er wusste nicht wo Bartolomäus war. Robert rief einmal nach dem Arzt, dennoch passierte nichts. Die Ruhe setzte ihm zu. In dieser Stille vernahm Robert ein leises wiederkehrendes Geräusch und konzentrierte sich darauf.

Es hörte sich wie ein tropfender Wasserhahn an. Robert versuchte auszumachen wo das Geräusch herkam. Langsam ging er in den Flur, vor der Tür die in Bartolomäus‘ Arbeitshalle führte, stoppte er. Auch diese Tür war nur angelehnt. Ein seltsamer Geruch stieg Robert in die Nase. Ein Duft von Eisen war zu vernehmen. Langsam zog er die schwere Tür auf. Als Robert sah was sich in dem Raum befand gaben seine Knie nach. Er fiel zu Boden und starrte nach vorne.

Bartolomäus lag rücklings auf einem Tisch. Der Kopf war über streckt, die Augen starrten leer zum Raumeingang – direkt zu Robert. Blut lief von seiner Kehle den Hals runter und tropfte auf den Boden. Die Arme und Beine lagen auf dem Tisch oder hingen schlaff herunter.

Robert brauchte eine Weile um den Anblick zu verkraften. Langsam stand er auf und ging zu dem Arzt. Er fasste die Hand des Arztes, sie war noch leicht warm.

Der Gnom fühlte sich schuldig den Arzt überhaupt verdächtigt zu haben. Er fasste das Handgelenk des Arztes und hoffte einen Puls zu fühlen. Nichts war zu fühlen, es herrschte absolute Stille die permanent von dem tropfenden Blut unterbrochen wurde.

Robert zitterte, Tränen stiegen ihm in die Augen. Dieser Mord war anders als der erste. Er kannte diese Person. Bartolomäus war ein netter helfender Mensch und Robert hatte seine herzliche Art genossen. Er drehte sich von der Leiche weg und Tränen liefen seine Wangen herunter.

Der Dorfschutz musste eingeschaltet werden. Doch bevor Robert die Bulldoggen informieren würde, wollte er sich selbst ein wenig umschauen. Er drehte sich nochmal zu dem toten Arzt. Erst jetzt fiel ihm etwas auf, was auf der Hand zu erkennen war.

Blut war auf den Handrücken geschmiert. Robert schaute sich die andere Hand von Bartolomäus an. Dort war kein Blut zu erkennen, also musste es der Mörder gemacht haben. Nun schaute sich der Gnom das Geschmiere an. Er erstarrte – ein Dreizack war zu erkennen. Der Mörder hatte Bartolomäus einen Dreizack auf die Hand geschmiert. Es lag nahe, dass der Mörder also auch die Zeichnung bei Herrn Clüny im Schnee gemacht hatte. Er wollte Robert in die Irre führen.

Der Gnom spürte wie sich zu seiner Trauer Wut mischte. Er hatte sich viele Gedanken gemacht warum die Hinweise zu den Stieren führten. Für ihn hatte das keinen Sinn ergeben. Nach dem Besuch in der Felsformation war er sich sicher, dass die Stierwesen nicht mit dem Mord in Verbindung standen. Nun hatte der Mörder schon zwei Tote zu vermerken. Roberts Trauer wurde langsam durch bodenlose Wut verdrängt. Er wollte den Raum verlassen. Bevor er zurück in das Wohnzimmer ging schloss er dem Toten die Augen.

Beim Herausgehen versprach er ihm, dass sein Mörder gerecht bestraft werden würde.

Robert schlurfte durch den Flur, seine Augen tasteten dabei alles ab. Er durfte keinen Hinweis übersehen. Im Wohnzimmer stand an der Wand ein großer Schreibtisch, darauf lagen etliche Papierstapel. Unter der Tischplatte waren einige Schubladen angebracht. Robert ging zu dem Tisch und schaute einige Dokumente durch. Hauptsächlich waren es Informationssammlungen über Patienten die Bartolomäus betreute.

Nichts was ihm helfen könnte dem Mörder näher zu kommen. Nach ein paar Dutzend Dokumenten die Robert durchgeschaut hatte widmete er sich der ersten Schublade. Es lagen kleine Notizbücher, Stifte und Zettel darin. Er schaute sich die Notizbücher flüchtig durch und legte sie danach an ihren Platz zurück. Es waren Kalender die Termine mit Patienten festhielten. Robert zog die zweite Schublade auf, es lag ein Buch darin. Auch hier schaute er rein, es schien eine Art Tagebuch zu sein.

Bartolomäus hielt einige Tage fest, schrieb allerdings nicht regelmäßig. Robert wollte sich dieses Buch in Ruhe durchlesen. Er schloss die Schublade und steckte sich das Buch in den Mantel. Dann ging er zurück zur Eingangstür. Als er an der Halle vorbeikam warf er noch einmal einen Blick auf seinen nun toten Freund. Der kurze Moment reichte schon um seine Wut wieder neu aufzuflammen zu lassen. Er musste den Mörder fassen.

Robert verließ das Haus. Der Schneefall hatte zugenommen, außerdem wehte ein starker Wind. Die eisigen Flocken schlugen Robert ins Gesicht. Er ging Richtung Dorfeingang. Der Dorfschutz musste informiert werden. Der Gnom ging kleine Gassen entlang, er wollte so wenig Menschen wie möglich begegnen. Dabei machte er sich Gedanken. Der Mörder hatte jetzt eine viel brutalere Methode gewählt um Bartolomäus‘ Leben auszulöschen.

Bei Herrn Clüny wurde kein Blut vergossen, nur ein wenig Luft in die Halsschlagader. Ganz anders war es bei Bartolomäus, er hatte einen klaffenden Schnitt an der Kehle und Blut war über den ganzen Boden verteilt. Robert hielt inne. Es war Blut über den Boden verteilt, er hatte nicht auf Fußspuren geachtet.

Sofort rannte er zurück zum Haus des toten Arztes und stürmte in die Halle. Es waren keine offensichtlichen Fußabdrücke zu erkennen. Robert kniete in der Nähe der Blutlache und inspizierte gründlich den Boden. Der Geruch des Blutes sorgte dafür, dass Robert in kurzen Zeitabständen den Raum verlassen musste.

Nach einer langen Suche fand Robert kleine Blutspuren. Leider definierten sie nicht einen ganzen Fußabdruck. Er stand auf und verließ wieder das Haus. Vor dem Eingang waren nur seine Fußspuren.

Robert musste sich beeilen, der starke Schneefall würde schon bald eventuelle Fußspuren verdecken. Er rannte, so schnell er konnte um das Haus herum. An der Stelle an der Bartolomäus Terrassentür war konnte er auch noch Fußspuren erkennen. Auch diese Tür war nur angelehnt. Atemlos folgte Robert den Fußspuren, sie führten ihn direkt an den Waldanfang.

Er wurde wieder wütend, der Mörder versuchte den Verdacht immer noch auf die Stierwesen zu lenken. Robert fluchte und rannte nun an der Waldgrenze entlang. Er stoppte als er ein weites Stück weg einige kleinere Spuren sah die von dem Waldstück wegführten. Mit schnellem Tempo folgte er diesen, der Zeitdruck trieb Robert voran. Der Schneefall spielte gegen ihn. Die kleineren Spuren mündeten in einen Weg und verliefen sich dann in Anderen.

Robert blieb stehen und schaute in den Himmel. Er fand sich immer besser in dem Verhalten des Mörders zurecht. Konsequent versuchte er die Aufmerksamkeit auf den Wald zu lenken. Schneeflocken sammelten sich auf Roberts Gesicht und tauten auf. Er fragte sich warum Bartolomäus so brutal ermordet wurde, bei Herrn Clüny schien alles perfekt abgelaufen zu sein.

Die Spuren auf den wahren Mörder wurden perfekt verwischt und die ganze Aufmerksamkeit wurde auf die Stierwesen gerichtet. Der Täter hatte zweifellos ein wenig Wissen über die Gruppierung im Wald und Ahnung über einige der Pläne von Herrn Clüny. Robert bemerkte nicht das er anfing zu zittern, zu tief hatte er sich in seinen Gedanken verloren. Immer wieder tauchte die Frage nach dem brutalen Mordhergang auf.

War Bartolomäus ihm auf die Schliche gekommen? Wusste er etwas? War der Mörder gezwungen Bartolomäus zeitnah aus dem Weg zu räumen?

Das ganze Vorhaben wirkte übereilt und nur wenig überdacht. Robert hoffte, dass der Täter Fehler begangen hätte. Er würde jetzt dem Dorfschutz seine Informationen geben und sich dann einen zurückgezogenen Ort suchen.

Seine ganze Hoffnung setzte er in das Tagebuch von Bartolomäus. Erst jetzt bemerkte Robert die Eiseskälte die ihn durchzog und setzte sich wieder in Bewegung.

Es dauerte bis er am Dorfeingang angelangt war, die großen Schneemassen bereiteten ihm Mühe. Er bog ab und dachte dabei an den betrunkenen Zwerg der ihm den Weg erklärt hatte.

Robert stand vor dem Steinhaus und bemerkte das es seltsam aussah – zwischen lauter Holzhäusern ein einsames Steinhaus.

Er klopfte gegen die Tür und kurz darauf machte ihm wieder der bekannte Dackel auf. Noch bevor er nach seinem Anliegen fragen konnte platzte Robert heraus, dass er einen Mord melden müsste. Der Dackel schaute ihn schockiert an. Robert ahnte schon das dies nicht oft in dem Dorf passierte.

Er wurde einen Gang entlanggeführt und in einen Raum gewiesen. Dort stand ein Tisch. Robert sollte sich auf einen Stuhl setzen. Ihm gegenüber waren drei Stühle aufgestellt. Er setzte sich, die Tür ging hinter ihm zu und er wartete.

Nach einiger Zeit – für Roberts Geschmack viel zu Lange – ging die Tür auf. Drei Wesen kamen in den Raum. Wilhelm von Himmelsbach, Daniel Oiterig und ein Pudel. Der Pudel hatte eine Schreibmaschine dabei, die er vor sich platzierte. Die beiden anderen setzen sich auf ihre Plätze und schauten Robert an. Für einen Moment blickten sich alle in die Augen. Wilhelm brach das Schweigen und fragte Robert was er zu berichten hätte.

Dieser holte tief Luft und begann zu erzählen was er gesehen hatte. Er berichtete über den toten Bartolomäus, die offene Eingangstür, die Fußspuren und dem Symbol auf der Hand des Menschen. Er lies aus, dass er sich auf eigene Faust ein wenig in dem Haus umgesehen hatte.

Wilhelm nickte und blieb die ganze Zeit über recht ruhig. Ihm entgleisten nur einmal seine Gesichtszüge als Robert den Namen des Opfers nannte. Daniel nahm kaum am Gespräch teil, sondern klapperte mit seinen Fingern über den Tisch. Er sagte, er sei sehr nervös, weil er noch nie in einem Mordfall ermittelt habe und Bartolomäus sehr gut kannte. Der Pudel, der übrigens die Frau von Wilhelm war, schrieb alles fein säuberlich mit.

 

Nachdem Robert seine Erzählung beendet hatte schwiegen sich alle an. Es war eine Katastrophe. Der Dorfarzt ermordet, ein Spielhallenbesitzer ermordet und keine Spur von dem Täter.

Die beiden Wächter versprachen Robert spätestens nach dem Wintertag alle Ressourcen auf den Mordfall zu organisieren. Er nickte und stand auf. Bevor er ging musste er das Protokoll lesen und als Bestätigung unterschreiben. Die Pudeldame hatte wirklich alles sehr genau aufgeschrieben. Er segnete es ab und verabschiedete sich von den beiden Wächtern. Der fallende Schnee bildete nun schon einen leichten Schneesturm.

Robert überlegte wohin er nun gehen sollte. Er wollte nicht in den „rostigen Anker“, dort war zu viel Ablenkungspotenzial. Ihm kam das „rudernde Gürteltier“ wieder in den Sinn. Dort konnte er sich in den unterirdischen Speisesaal setzen und sich eine ruhige Ecke suchen. Da würde er das Tagebuch von Bartolomäus lesen und seine nächsten Schritte organisieren können. Robert lief mit einem erhöhten Tempo los, der Schneesturm nahm an Intensität zu. Der Gnom begann zu rennen und erreichte recht schnell die edle Schenke.

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