Kapitel 10: Ruhe vor dem Sturm

Robert setzte sich in die hinterste Ecke. Eine kleine Fackel beleuchtete ihn mit einem dämmrigen Licht. Er holte den Brief und das Tagebuch von Herrn Clüny heraus und anschließend das Tagebuch von Bartolomäus. Nervös spielte er mit dem Einband des Tagebuches des Arztes. Ein Zwerg kam zu Robert und fragte ihn ob er nichts essen oder trinken wollte. Normalerweise nahm man sich sein Menü im Eingangsbereich mit, doch Robert wollte eigentlich nur in Ruhe die Dokumente studieren. Dennoch bat er den Zwerg um einen Krug „Erdwolkentrunk“.

Dieser verschwand und kam kurz darauf mit einem großen Krug zurück. Robert bedankte sich und rückte anschließend noch etwas weiter in die Ecke. Er nahm einen Schluck und schlug dann die erste Seite auf. In den ersten Seiten war festgehalten was passieren sollte wenn Bartolomäus starb. Er hatte einige junge Ärzte aufgeführt die als Überbrückung genutzt werden sollten. Es war aufgelistet was mit seinem Eigentum passieren sollte, da er keine Nachfahren hatte. Robert wurde traurig als er über Bartolomäus Tod nachdachte. Die nächsten Seiten waren für den Mordfall nicht relevant. Dennoch las er sie sich durch. Robert wollte den letzten Willen von Bartolomäus durchsetzen. Er würde dem Dorfschutz das Buch anonym zukommen lassen und sich zum Helfen anbieten.

 

Einige Seiten später begannen typische Tagebucheinträge. Bartolomäus hatte seine Erlebnisse nicht jeden Tag niedergeschrieben. Die Datierungen waren teilweise mehrere Monate auseinander. Robert las sich jeden Eintrag durch.

Der Erste war schon einige Jahre her. Die meisten handelten von schwierigen medizinischen Fällen die Bartolomäus persönlich berührt hatten. Die Stunden vergingen und Robert las konzentriert einen Eintrag nach dem Anderen durch. Er war so in den Geschichten vertieft, das es ihm erschien als würde er an dem Leben von Bartolomäus teilnehmen. Immer wieder übermannte ihn die Trauer und er musste für einige Augenblicke aufhören zu lesen.

Ein Eintrag, der nur wenige Wochen zuvor niedergeschrieben wurde ließ ihn stocken. Bartolomäus beschrieb wie er unter Druck gesetzt und schließlich erpresst wurde. Er musste Informationen preisgeben, ansonsten würde er mit dem Leben bezahlen.

Aus irgendeinem Grund konnte er den Dorfschutz nicht einschalten. Robert dachte kurz darüber nach und kam zu dem Entschluss, dass Bartolomäus wahrscheinlich überwacht wurde. Die nächsten Einträge beschrieben einige Informationen die Bartolomäus herausgegeben hatte. Zuerst waren es wohl belanglose Sachen, doch zwischendurch musste Robert nicken. Die Stiere waren nicht die Täter. Der Arzt musste Informationen über die Stiere herausgeben.

 

Einen Eintrag später musste er seinem Erpresser den er nun das erste Mal als DO erwähnte, kreisrunde Schuhe mitbringen. Bartolomäus bekam diese nach den Untersuchungen bei den Stieren geschenkt.

Der Mörder hatte das Unterfangen von langer Hand an geplant. Robert schluckte, er bekam Angst bei dem Gedanken einem so skrupellosen Wesen gegenüberzustehen. Der Gnom wurde aus seinen Gedanken gerissen, denn der Zwerg tippte ihm wieder auf die Schulter. Er sagte ihm, dass der Schneesturm draußen heftiger geworden sei und er ihm raten würde hier zu bleiben bis er sich gelegt hätte.

Robert nickte, als Gnom wäre es leichtsinnig bei starkem Wind rauszugehen. Der Zwerg fragte ob Robert Hunger hätte, doch er schüttelte den Kopf. Bei dem Gedanken an einen blutrünstigen gnadenlosen Mörder kam nicht wirklich Appetit auf, eventuell Orkische Blutwurst. Robert musste grinsen, er hasste orkische Blutwurst.

Das Tagebuch von Bartolomäus hatte er nun fast vollständig gelesen. Zwei Einträge waren noch zu studieren, also nahm er wieder das Buch und las weiter. Der vorletzte Eintrag handelte davon, dass Bartolomäus DO beibringen müsste wie man einen Menschen ohne große Spuren töten konnte.

Als nächstes wurde die Methode beschrieben mit der Ralf Clüny ermordet worden war. Bartolomäus wusste wer der Mörder war.

Warum half er Robert bei der Aufklärung, er wurde doch erpresst? Der Eintrag erwähnte außerdem noch das Bartolomäus DO die kreisrunden Stiefel und eine Spritze übergab. Robert wurde schwindelig. Der Mörder konnte nur mit Hilfe von Bartolomäus seinen Plan durchgeführt haben. Alle Fachkenntnisse und Mittel hatte er durch ihn

Warum war der Arzt nicht zum Dorfschutz gegangen? Warum hatte er so freiwillig ein Menschenleben geopfert? Robert würde wohl nie die Antwort auf diese Fragen bekommen.

Nun widmete er sich dem letzten Eintrag. Bartolomäus schrieb, dass er sich schuldig fühlte und sich dazu entschlossen hatte jemandem die Wahrheit mitzuteilen. Er hoffte das er die Möglichkeit hätte, seinen Fehler zu korrigieren und bei der Verhaftung des Mörders mitzuwirken. Er schreib auch das er wusste das sein Verhalten nicht ohne Konsequenten bleiben würde. Der letzte Satz berichtete, dass er dem Dorfschutz einen Brief geschickt hätte.

Robert hatte nun alles gelesen. Noch immer hatte er keinen Schimmer wer der Mörder war. Jedoch konnte er mit Sicherheit sagen, dass die Stierwesen keine Schuld traf.

Er klappte das Buch zu und lehnte sich zurück. Was für ein Tag. Robert atmete einige Male tief durch. Mittlerweile hatte er Hunger bekommen. Er wollte noch das Tagebuch von Herrn Clüny durchlesen. Davor brauchte er jedoch eine Pause. Robert winkte den Zwerg zu sich und fragte wie spät es sei. Dieser erwiderte, dass der Mitternachtsschlag grade vergangen sei.

Robert war überrascht, er hatte die Zeit vergessen. Dies erklärte seine enorme Müdigkeit. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, seit er sich von den Stierwesen getrennt hatte. Robert fragte ob sich der Schneesturm gelegt hatte. Der Zwerg nickte und sagte, dass es nur noch ein wenig schneien würde, der Wind jedoch verschwunden war.

Robert seufzte erleichtert und gab dem Zwerg einige Ziegenzähne als Bezahlung für sein Getränk. Dann verabschiedete er sich von ihm und verließ die Schenke. Robert stockte vor der Taverne, der Sturm hatte die Schneedecke weiter anwachsen lassen und es war für Robert fast unmöglich diese zu passieren. Leise fluchte er.

Ein herzlicher Gruß von einer bekannten Stimme schwang ihm entgegen. Es war Rudi, dass Stierwesen das ihn auch hergebracht hatte. Der Stier erkundigte sich nach Roberts Befinden. Dieser sagte, dass er müde sei und bat Rudi um einen Gefallen. Er möchte Robert doch auf seinem Rücken zum rostigen Anker tragen. Rudi lachte und beklagte sich scherzhaft Robert immer tragen zu müssen. Doch der große Stier hob den kleinen Gnom hoch und begann durch den Schnee zu stampfen. Robert hielt es für angemessen dem Stier die Geschehnisse und die daraus entstandenen Ergebnisse mitzuteilen.

Während sie auf dem Weg zu der Herberge waren sprudelte der Tagesablauf aus Robert heraus. Er war froh endlich mit jemandem reden zu können. Robert berichtete über alles was er erfahren hatte.

Der Mord an Bartolomäus, die falsche Fährte zu den Stierwesen, bis hin zu der Erpressung des Arztes. Rudi war nicht so ein stiller Zuhörer wie Bartolomäus und unterbrach Robert mit Ausrufen, Fluchen oder ähnlichem.

Irgendwann waren sie vor der Herberge, redeten allerdings noch einige Zeit weiter. Rudi bedankte sich für den Bericht und versprach sofort Leopold Bescheid zu geben. Sie verabschiedeten sich voneinander. Robert ging gewohnt zu den Stallplätzen. Er schaute nach Winnifred und war froh zu sehen das sein Einhorn mit einer Decke ummantelt war.

Herr Schorchel dachte an alles. Robert grübelte darüber nach wie der kleine Pinguin diesen riesigen Arbeitsalltag alleine bewältigte. In Gedanken versunken tätschelte der Gnom seinem Reittier den Hals und die Seite. Er warf noch einen Blick in den Futtertrog wusste jedoch, dass dies überflüssig war. Sein Gastwirt hatte alles im Griff. So verabschiedete er sich von Winnifred und betrat die Herberge.

Es gab nur noch ein kleines Licht das den Speisebereich erhellte. Robert ging gewohnt Richtung Treppe hielt auf der dritten Stufe aber inne. Sein Zimmer war ja nicht mehr in den Obergeschossen. Er bewohnte jetzt das Gastzimmer des Pinguins. So ging er durch die Küche und trat durch die zweite Tür des Ganges. Die erste war geschmückt von Bildern aus dem Norden. Zweifellos das Reich seines Gastgebers.

Das Gästezimmer war fantastisch. Robert hatte noch nie ein so großes Bett gesehen und er besaß eine Badewanne. Er jubelte leise und plante schon wie er am nächsten Morgen das Tagebuch von Herrn Clüny lesen würde. Doch jetzt war er müde.

Er schaute in einen der Schränke und schmunzelte. Der Pinguin hatte all seine Sachen gewaschen und fein säuberlich in den Schrank gehängt. Als sich Robert weiter im Zimmer umsah bemerkte er das eine extra Decke auf dem Bett lag und einige Flaschen klares Quellwasser auf dem Nachttisch standen. Robert schüttelte den Kopf, wenn er seinen Urlaub beenden würde müsste er Herrn Schorchel ein Dankeschön besorgen.

Robert machte sich fertig zum Schlafen und legte sich in das große Bett. Doch diese Nacht schlief er nicht gut. Er träumte von einem Schatten, der dem Schimpansen eine Spritze in den Hals jagte und dem Arzt die Kehle durchschnitt. Der leere Ausdruck von Bartolomäus‘ Augen hatten sich in Roberts Gehirn gebrannt.

Am nächsten Morgen erwachte er. Die schlechten Träume hatten die Qualität seines Schlafes nicht gehemmt. Robert fühlte sich frisch und war wild darauf den Mörder weiter zu jagen. Er blieb noch etwas im Bett liegen und versuchte seinen Tag grob zu planen.

Dabei schaute er nach draußen und sah das kein Schnee mehr fiel und die Sonne auf das Dorf herab strahlte. Robert entschloss sich später in die Badewanne zu steigen. Er würde sich jetzt schnell frisch machen und dann das Tagebuch von Bartolomäus dem Dorfschutz bringen.

Er hatte die Hoffnung von den Wächtern mehr Informationen zu erhalten. Robert hatte nicht das Fachwissen die Leiche genau zu inspizieren.

Mit diesem Gedanken stand er auf und streckte sich, anschließend machte er sich frisch und zog sich an. Als Robert angezogen war knurrte sein Magen, eine Planänderung kam noch hinzu – ein ausreichendes Frühstück. Robert verließ das Gästezimmer. Als er die Küche betrat sah er den Pinguin rotieren. Er war dabei einige Gerichte für seine Gäste zuzubereiten. Robert bedankte sich bei Herrn Schorchel für das schöne Zimmer und die frische Wäsche. Dieser winkte ab, bot Robert jedoch sofort einen Teller Brockenbrot bestrichen mit Weißbeerenextrakt an. Dieser nahm den Teller an und ging durch die Küche in den Speiseraum.

Dort saß die Katze, kurzer Hand setzte er sich neben sie und grüßte. Samea freute sich ihn zu sehen, ohne große Umschweife fragte sie ob es ihm gut gehe. Als sie Roberts fragendes Gesicht sah erwähnte sich den Einbruch. Den hatte Robert schon verdrängt. Er nickte kurz und sagte das nichts geklaut wurde, die Einbrecher hätten anscheinend vergeblich nach etwas gesucht. Die Katze hielt kurz inne, verstand es aber, nicht weiter nachzuhaken. Sie aßen beide ihr Frühstück und unterhielten sich über andere Dinge. Den bevorstehenden Wintertag, den gestrigen Schneesturm und Samea erzählte von dem Museum das sie besucht hatten.

Nach dem Frühstück verabschiedeten sich beide, sie hatten ausgemacht sich spätestens am Wintertag wiederzusehen. Als Ort wurde die Bühne der Musikgruppe Katzengejammer ausgewählt.

Robert verließ die Herberge. Das Tagebuch von Bartolomäus hatte er in seinem Mantel. Den Brief und das Tagebuch von Herrn Clüny hatte er hinter dem Kleiderschrank versteckt. Schnellen Schrittes bewegte sich Robert auf das Steinhaus des Dorfschutzes zu.

Es dauerte nicht lange bis er davorstand. Wieder klopfte er und wieder öffnete ihm der Dackel die Tür. Robert erklärte mit Wilhelm sprechen zu wollen. Der Dackel bedauerte sagen zu müssen das dieser gerade auf seiner Patrouille durch das Dorf sei. Robert nickte und fragte dann nach dem Partner von Wilhelm. An dessen Namen konnte er sich nicht mehr erinnern. Der Dackel verstand allerdings und führte Robert in ein Büro, mit den Worten das der Kollege in einigen Minuten erscheinen würde und kehrte dann um.

Robert betrachtete das Büro, es war karg eingerichtet. Er ließ seinen Blick über den Schreibtisch wandern. Darauf lag ein Brief, adressiert an Wilhelm von Himmelsbach von Bartolomäus Fink. War das besagter Brief? Hatte Bartolomäus darin seine Teilnahme geschildert? Der Brief war ungeöffnet, Robert nahm ihn an sich. Sein Plan hatte sich wieder geändert. Das Tagebuch würde er später zurückbringen. Er wollte den Brief lesen, also steckte er ihn in seinen Mantel zu dem Tagebuch.

Er verließ das Zimmer des Wächters darauf bedacht von niemandem gesehen zu werden. Beim Herausgehen fragte er sich warum der Brief den Wilhelm von Himmelsbach erhalten sollte, bei seinem Kollegen lag. Robert dachte nicht weiter darüber nach, ein Neuling hatte wahrscheinlich einen Fehler begangen. Er machte sich auf den Rückweg.

Recht schnell war er wieder vor dem „rostigen Anker“. Er trat ein, ignorierte was links und rechts neben ihm passierte und lief geradewegs in sein Zimmer. Sofort ließ er sich Badewasser ein und platzierte den Brief und das Tagebuch von Bartolomäus, sowie den Brief und das Tagebuch von Herrn Clüny auf einem Stuhl neben der Wanne. Dann machte er es sich im warmen Wasser bequem und begann zu lesen.

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